
Dieser Artikel ist im Herbst 2008 für "Reiten und Zucht in Berlin und Brandenburg-Anhalt" entstanden. Was Blanca von Hardenberg und ihre vielen Pläne angeht, trifft er drei jahre später vielleicht nicht mehr hundertprozentig zu. Aber noch immer ist die ehrgeizige Reiterein umtriebig wie eh und je. Vielleicht werden wir sie in der Distanzsaison 2011 wiedersehen. Die ihr zur Verfügung stehenden Pferde mögen nicht Paradiese und Buddy heißen, doch lassen wir uns überraschen. Ihren Traum von der Reise durch die Kulturen der Welt mag sie einstweilen aufgeschoben haben, aber doch nicht aufgegeben. Zwischen ihrem letzten Auftritt im Endurance-Lage und der neuen Saison lag ein geradezu selbstloses Engagement für die Wiederbelebung der Galopprennbahn Hoppgearten.
Der größte Wermutstropfen beim Wiederlesen dieses Artikels war mir die Schilderung des Trainingsrittes mit Harald Braun auf Tango Lady. Harald sitzt nach seinem Schlaganfall im April 2010 zwar bereits wieder im Sattel. Ob es jemals wieder ein Distanz-Sattel sein wird, weiß wohl niemand vorauszusagen.

Im Jahre 2008 wurde Blanca von Hardenberg zum zweiten Mal Landesmeisterin der Berlin-Brandenburger Senioren im Distanzreiten. Im Jahr 2003 hatte sie den Titel schon einmal erritten, dann aber ihren Berliner Wohnsitz aufgegeben. Seit 2008 ist sie wieder da, in Neuenhagen, östlich der Hauptstadt, mit altem Elan und neuen Ideen. – Sie ist auf dem Graditzer Hof eingezogen, der historischen Stallanlage an der Idea-Bahn, einen Steinwurf vom S-Bahnhof Hoppegarten entfernt. Hier könnte ein Endurance-Trainings- und Leistungszentrum entstehen, das ist ihr Traum. Wenn dieser Standort erst einmal aus seinem Dornröschen-Schlaf erweckt ist, könnte er sich zu einer interessanten Trainingsstätte mit entwickeln.
Als ich an einem frischen Sommer-Morgen mit Blanca in ihrem neuen Domizil verabredet bin, kommt sie mir in Gummistiefeln entgegengestapft, eine Wollmütze tief ins Gesicht gezogen. Sie spricht mit leiser, heiserer Stimme. Nein, das vorgesehene Rennbahntraining, gemeinsam mit Ex-Landesmeister Harald Braun hat sie trotz Schüttelfrost nicht abgesagt. So ist sie nun einmal, Blanca von Hardenberg, klein, zierlich, zielstrebig und einfach nicht unterzukriegen, weder im Wettkampf noch im Leben überhaupt.
Denn da hat sie sich was vorgenommen, aus den denkmalgeschützten Gemäuern des einst prachtvollen, zu DDR-Zeiten jedoch mehr und mehr vernachlässigten Hofes ein Leistungszentrum für Distanzpferde zaubern zu wollen. Den alten Stallungen fehlen Licht und Luft. Die gedeckte Winterreitbahn – dies keine Umschreibung für eine Reithalle, sondern in der Tat ein Rondell für das Schlechtwetter-Training von Rennpferden – muss instand gesetzt werden. In einem anderen Gebäude sollen geräumige Paddockboxen entstehen. Auch die Wohnung in der ehemaligen Trainer-Villa ist eher noch eine provisorische Behausung, das Haus schreit nach frischem Putz, die Fensterrahmen nach Farbe. Koppeln wollen gebaut sein. Doch während Blanca mich herumführt und von ihren Visionen erzählt, kann ich schon alles auferstehen sehen, so konkret sind ihre Vorstellungen bereits.

Und die Voraussetzungen sind ideal, sofern man bereit ist, Zeit, Geld, Geduld und Nerven zu investieren. Der Hof allein umfasst 4 Hektar Land, dazu gehören noch 17 Hektar Trainierbahn, bestehend aus einer Sandbahn und einem waldgeschützten Wegenetz. Die Stallungen beherbergten einst edle Galopper aus Graditz, freilich zu Zeiten, als man Vollblüter noch in Dunkelkammern sperrte. „Da müssen andere Türen her“, sagt Blanca, als Pferdebesitzerin Daniela und Helfer Pasqual die beiden Pferde in den Stall führen, die sie heute für ein paar Tage Rennbahntraining eben mal aus Westdeutschland herübergefahren haben. Und schon reißt Blanca gemeinsam mit Pasqual an den Boxentüren die imaginäre Linie an, wo man die Flexsäge zum Halbieren ansetzen müsste.
Momentan jedoch recken die beiden Araber noch etwas irritiert die Köpfe und schnauben durchs kleine Gitterloch ihrer massiven Holztüren. Buddy und Paradise haben sich in dieser Saison im Distanzsport unter Blanca von Hardenberg schon groß in Szene gesetzt.
Für Paradise – ebenso wie Buddy im Besitz von Daniela Kübbeler - schien der internationale Distanzritt im holländischen Ermelo über 125 Kilometer ein Spaziergang gewesen zu sein. In Tempo 3,5 marschierte die ausdrucksvolle Schimmelstute der Konkurrenz davon und kassierte am Tag nach dem Rennen auch noch den Best Condition für das Pferd, das im Anschluss an die Prüfung in der besten Verfassung vorgestellt wurde. Bereits sechs Wochen zuvor war die liebevoll „Radieschen“ genannte Vollblutaraber-Stute in Fischerhude in internationaler Konkurrenz über 80 Kilometer auf den vierten Platz gelaufen.

Mit Buddy erritt Blanca den Landesmeistertitel. Auch er zog im Tempo 3,59 der Konkurrenz unangefochten davon. Dabei ist der großrahmige Fuchs, dem man den Vollblutaraber nicht ansieht, alles andere als einfach. „Er ist ein Killer“, beschreibt ihn Blanca schlicht, „im Umgang und unterm Sattel. Bei ihm bist du nie vor Überraschungen sicher. Aber wenn er läuft, dann läuft er.“ Daniela und Blanca haben das Pferd, das als kaum reitbar und praktisch nicht zu handeln galt, als 4jährigen Hengst aus dem Rennsport geholt. Inzwischen ist er Wallach und acht Jahre alt, läuft seit drei Jahren im Distanzsport. Jetzt steht er am Beginn seiner zweiten Karriere.
Heute reitet Blanca den Fuchs durch das hohe Gras der Neuenhagener Trainierbahn, zusammen mit Daniela auf Paradise und Harald auf Tango Lady. Pasqual bringt mit dem Auto ein paar Wasserkanister, Eimer und Getränke für die Reiter auf die Bahn, und so wird unter Wettkampfbedingungen trainiert. Das ist mal wieder typisch Blanca: professionell und durchorganisiert. „Und das würde natürlich alles nicht funktionieren, wenn ich meine Freunde nicht hätte, die mich unterstützen“, sagt sie und meint in diesem Falle Daniela und Pasqual.
Überhaupt Freunde, die sind ihr wichtig, und die hat sie auf der ganzen Welt. Ohne sie wäre eines der größten Projekte, die sie plant, undenkbar: Auf dem Rücken eines Pferdes von Dubai nach Berlin. Als „Kulturbegegnung zwischen Ost und West“ betrachtet die Visionärin ihr Vorhaben, „mit dem Ziel, Momente der Begegnung und des Austauschs zu schaffen, Länder, Regionen und Menschen zu verbinden, Freundschaften zu schließen und anhand von Gesprächen den Dialog der Kulturen zu fördern“. – Im nächsten Herbst nach dem moslemischen Fastenmonat Ramadan will sie starten. Die Vorbereitungen jedoch laufen jetzt schon auf Hochtouren.
Aber Blanca wäre nicht Blanca, wenn sie nicht noch ein paar andere Eisen im Feuer hätte. Vielleicht geht sie ja im Winter für ein paar Wochen als Distanz-Trainerin in den Nahen Osten. Oder sie reitet Buddy doch noch mal beim CEI*** in Göttingen. Oder in Frankreich? Oder Spanien? Irgendwie ist sie ja überall zuhause. Aber in Neuenhagen neuerdings ein kleines Bisschen mehr.
Miriam Lewin
| letzte Aktualisierung 22. Februar 2012 |