Anruf Martin Grell, 9. August 2009, 22.06 Uhr

Gerade rief mein Tierarzt an. Das hat mich gefreut, denn seit der für unser Pferd geplatzten Europameisterschaft in Oviedo brauch ich ihn nicht mehr so häufig, Pferd steht ja auf der Weide, da leidet der zwischenmenschlich-veterinärmedizinische Kontakt.

„Ich will gar nicht lange drumherum reden“, sagt Martin Grell heiser und atmet tief durch. „Ich bin schuld.“

„Super!“, sage ich, begeistert, endlich einen Bock für all meine Sünden gefunden zu haben, aber da wird er schon konkret.

„Ich musste mich dem Druck der öffentlichen Meinung beugen“, sagt Martin Grell grenzenlos zerknirscht, „denn es steht ja sogar in der Zeitung: Isabell Werth hat nichts gewusst, sie war genauso ahnungslos wie Ahlmann oder Beerbaum. Ich zitiere: Als großen Schwachpunkt indes machte DOSB-Kommissionsvorsitzender Steiner den Tierarzt aus, von dem der Reiter sehr stark abhängig sei.“

„Da war der Gatte von Prinzessin Haya einfach nur schlecht beraten!“, stimme ich ihm zu. Das leuchtet doch ein.

„Und ich kann allen Tierärzten nur raten, es mir gleichzutun und Air Iberia zu buchen.“

„Wieso Iberia?“, frage ich verwirrt. „Da bringst du aber was durcheinander, Spanien war letztes Jahr, dies Jahr müssen wir nach Ungarn und Italien.“

„Aber ich doch nicht!“, jammert er, „so einen wie mich werden sie teeren und federn, wenn ich bei einem Championat auftauche.“

„Aber Martin!“, versuche ich ihn zu beruhigen. „Du dramatisierst das. Was zum Beispiel mein Pferd angeht, kann ich beschwören …“

„Kannst du eben nicht!“, fällt er mir ins Wort. „Unsereins schleicht sich doch nachts ohne Auftrag und Wissen des Reiters heimlich in den Stall und verabreicht den Pferden Mittel gegen Schizophrenie. Das muss ein Ende haben und ich mache den Anfang!“

„In Spanien?“, werfe ich ein.

„Aber ja doch. Ich begebe mich auf den Jacobsweg. Neunschwänzigen Ochsenziemer zum Geißeln hab ich schon.“

„Büßergewand?“, schlage ich vor. „Könnte schwierig werden, seitdem unsere Futtermühle den Hafer in Papiersäcken ausliefert.“

„Ich komme viel rum, da findet sich was“, sagt Martin Grell zuversichtlich in Hinblick auf zukünftigen Ablass und Erleuchtung.

Da fällt mir was ein. „Wenn du dann erleuchtet bist“, frage ich misstrauisch. „Erhöht sich damit dein Honorar?“

„Mit Sicherheit“, gesteht er, „Erleuchtung gibt’s schließlich nicht umsonst, den Jacobsweg rauf und runter, die ganze Geißelei, das muss sich ja rentieren. Stell dir vor, ich käme zu der Erkenntnis, plötzlich Ursachen zu behandeln, statt Symptome wegzuspritzen, das würde die Veterinärmedizin im Pferdesport revolutionieren!“

Jetzt kommt er richtig in Schwung (scheint mit der Erleuchtung schon a priori zu klappen): „Da hab ich gleich noch eine Idee : Die ultimative Besser-Reiten-Pille. Geben Sie die ihrem Pferd und seine Ausbildungsmängel kompensieren sich von selbst! Geht garantiert weg wie warme Semmeln.“

„Und was ist da drin?“, frage ich misstrauisch. „Ich meine, wenn du schon wieder so anfängst, kannst du die ganze Geißelei und Pilgerei auch lassen!“

„Da ist Mehl drin!“, freut er sich diebisch. „Wasser und Mehl.“

„Die solltest du dann aber unbedingt schon in Assisi an den Mann bringen! Wenn du damit ankommst, lassen sie dich bestimmt wieder mitspielen.“

„Ist nicht zu schaffen“, sagte er betrübt, „Jacobsweg rauf und runter, das braucht seine Zeit.“

„Dann geh doch einfach nach Canossa!“, schlage ich ihm vor. „Das ist gleich um die Ecke!“

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letzte Aktualisierung 22. Februar 2012